Vor der eigentlichen Konferenz startete der TdSE am Tag 1 mit Tutorials. Die MBSE-Experten Tim Weilkiens (oose Innovative Informatik GmbH) und Andreas Korff (Atego Systems) führten in jeweils einem halbtägigen Tutorial anhand von durchgängigen Beispielen Schritt für Schritt in die Systemmodellierung ein. In einem parallelen Soft-Skills-Track ging es einerseits um Teamführung im Systems Engineering, und in einem weiteren Tutorial um Handlungsoptionen zur gezielten Einflussnahme in komplexen Arbeitssituationen.
Roll-Out von SE-ZERT©
Die eigentliche Konferenz startete am nächsten Tag mit einer sehr erfreulichen Meldung. Nach der Begrüßung verkündete der Vorsitzende der GfSE, Sven-Olaf Schulze, dass die Personalzertifizierung "Certified Systems Engineer (GfSE)©" ab sofort verfügbar ist. Das Ausbildungsprogramm und das Zertifikat, welches von einer akkreditierten Zertifizierungsstelle ausgegeben wird, wurde in den vergangenen zwei Jahren von der GfSE-Arbeitsgruppe "SE-Zertifizierung" unter der Leitung von Dr. David Endler und Sven-Olaf Schulze entwickelt. Es wird die drei Zertifizierungsstufen C ("Verstehen"), B ("Anwenden") und A ("Beherrschen") geben, wobei A den Experten-Level darstellt. Die Stufe C dauert 5 Monate, beinhaltet ca. 12 Präsenztage bei einem lizensierten Schulungsanbieter (dazu später mehr...) und endet mit einer zweistündigen Prüfung durch den TÜV Rheinland und GfSE-Assessoren. Wer den Certified Systems Engineer (GfSE)® der Stufen C und B erwirbt, der darf auch gegen eine geringe Gebühr die in etwa gleichwertigen, internationalen INCOSE-Zertifikate ASEP bzw. CSEP erwerben. Mit dem Certified Systems Engineer (GfSE)© steht in Deutschland nun eine berufsbegleitende Weiterbildung für erfahrene Ingenieure und Interessierte zur Verfügung, die sich auf Basis der ISO 15288 und dem deutschen Systems Engineering Handbuch zertifizieren lassen wollen. Weitere Informationen wird es sehr bald auf der eigens eingerichteten Website geben.
Deutsches SE-Handbuch verfügbar
Aprospos deutsches SE-Handbuch: das war sogleich die zweite, erfreuliche Nachricht! Auch die GfSE-Arbeitsgruppe unter der Leitung von Herrn Prof. Hanno Weber hat einen wichtigen Meilenstein erreicht. Die erste Version des deutschen Systems Engineering Handbuchs ist fertig. Basis des deutschen Handbuchs ist die Version 3.2 des INCOSE SE-Handbook. Allerdings handelt es sich nicht um eine 1:1 Übersetzung des INCOSE Handbuchs, sondern vielmehr um eine konsolidierte Sicht der GfSE auf das Systems-Engineering für den deutschsprachigen Raum.
Beiden Arbeitsgruppen gebührt der Dank der gesamten, deutschsprachigen Systems Engineering Community - eine großartige Leistung!
Vorträge
Auf den nun folgenden zwei Konferenztagen wurde wieder einmal ein Top-Programm mit absolut hochklassigen Vorträgen und einem tollen Rahmenprogramm geboten. Da ich hier leider nicht über alle Beiträge ausführlich schreiben kann, nur eine kleine, kurzgefasste Auswahl.
Sehr beeindruckend fand ich die Keynote von Andreas Grudda (Blohm + Voss Naval GmbH) mit dem Titel "Herausforderungen in der Entwicklung der Fregatte F125". Eine solche Fregatte, bestehend aus dem Plattformsystem (das Schiff) und dem Einsatzsystem (die Informations- und Waffensysteme an Bord) zu entwickeln ist eine hochkomplexe Angelegenheit, insbesondere wenn u.a. Anforderungen wie eine "Intensivnutzung", d.h. die Erhöhung der jährlichen Betriebszeiten, berücksichtigt werden müssen - eine Fähigkeit, die mit der F125 erstmals für ein deutsches Marineschiff realisiert wird. Übrigens: Herr Grudda gab auch einen großartigen Tipp gegen Seekrankheit. Man sollte Schokolade essen. Das hilft zwar gar nicht gegen die Übelkeit, aber beim Weg wieder raus schmeckt's besser.
Einen tollen Beitrag zur technologieunabhängigen Systemmodellierung präsentierten Andreas Korff und Tim Weilkiens unter dem Titel "Werkzeuge für den Schmied funktionaler Architekturen". Da ich diese Trennung zwischen logisch-funktionaler Sicht und physikalischer Sicht auch in einem meiner Systemmodelle verwendet habe, konnte ich mir noch ein paar hilfreiche Tipps abholen.
Ebenfalls sehr gut gefiel mir der Beitrag von Andreas Graf (itemis AG) mit dem Titel "Requirements: Formal description with DSLs and a traceability approach for Eclipse". Das Eclipse Requirements Modeling Framework (RMF) bietet eine Implementierung des neuen OMG ReqIF (Requirements Interchange Format) Standards in Form eines EMF-Modells. (Über die Bedeutung von ReqIF im Kontext von MBSE habe ich bereits hier gebloggt). Auf der Basis dieser Implementierung lassen sich nun verschiedene Anwendungen implementieren, z.B. eine GUI zum Erfassen von Anforderungen, oder ein Traceability Framework, in das sich verschiedene Tools via PlugIns "einhängen" können.
Noch einmal das Thema Fregatte F125 griff am Ende von Tag 1 Piotr Malecki (Blohm + Voss Naval GmbH) auf. In seinem Vortrag "Systemmodell des Einsatzsystems der Fregatte F125" zeigte Malecki, wie das erarbeitete Anforderungsmodell mit rund 1.500 Top-Level-Requirements des Beschaffers und den daraus abgeleiteten 7.500 Subsystem- und Component-Requirements, sowie das komplementär entwickelte Systemmodell des F125-Einsatzsystems als Grundlage für die Entwicklung des Systems, zur Abstimmung mit dem Auftraggeber bis hin zur Verifikation und Validierung dient.
Auch am zweiten Tag wurden weitere Vorträge hoher Qualität angeboten. Ein absolutes Highlight war der Vortrag "Agiles Projektmanagement für Systeme im regulatorischen Umfeld" von der gleichnamigen GfSE-Arbeitsgruppe "Agiles Projektmanagement für Systeme im regulatorischen Umfeld" (APS). Wer glaubt, das agile Systementwicklung im behördlich kontrollierten Umfeld (u.a. Medizin, Luftfahrt, ...) nicht möglich sei, der irrt. Die strengen Anforderungen, Bestimmungen, Gesetze und Richtlinien, vor allem auch an die Dokumentation der gesamten Produktentstehung, stehen nicht im Widerspruch zu einem agilen Prozess. Auch das im agilen Manifest definierte Werte- und Prinzipiensystem ist im Systems Engineering anwendbar, da auch dort klar formuliert wird, das Prozesse, Tools, Dokumentation oder Planverfolgung nicht unwichtig sind - im Zweifelsfall sind Individuen und Interaktionen, ein lauffähiges Produkt, Zusammenarbeit mit dem Kunden und Reaktion auf sich ändernde Rahmenbedingungen eben wichtiger, um einen Projekterfolg zu erreichen. Wer im interdisziplinären SE-Umfeld ein agiles Prozessmodell mit Iterationen und Produktinkrementen etablieren möchte, der muss sicherlich einerseits für die verschiedenen Fachdisziplinen unterschiedlich lange Iterationslängen berücksichtigen und dabei zeitliche Synchronisationspunkte finden, an denen sich alle Ingenieursdisziplinen mit ihren Teilentwicklungen treffen, beurteilen, abstimmen und neu planen können. Andererseits muss beachtet werden, dass das Ausliefern eines potentiell lauffähigen Inkrements pro Iteration, wie es in der agilen Softwareentwicklung üblich ist, im Systems Engineering nicht funktionieren dürfte. Diesem Umstand begegnet man dadurch, das man die sog. Deliverables disziplin- und phasenabhängig anders definiert. So könnte z.B. in den frühen Phasen der Produktentwicklung ein 3D-CAD-Modell eines Gerätegehäuses das Ergebnis einer Iteration sein, welches "ausgeliefert" und dem Product Owner, als auch den anderen an der Produktentwicklung beteiligten Stakeholdern, gezeigt und diskutiert wird.
Den Abschluss der Konferenz bildete der Vortrag "Containerumschlag: Großgeräte, IT, Automatisierung und soziotechnische Systeme" von Frank Winkenwerder, Leiter Container Informationssysteme bei der HHLA Container Terminals GmbH. Der Containerumschlag ist nicht nur eines der bedeutensten Wirtschaftszweige der Hansesstadt Hamburg, es ist vor allem auch ein hochkomplexes, soziotechnisches System. Pro Stunde wird dort die beeindruckende Menge von 2.000 LKW-Ladungen mit Containern angeliefert bzw. abtransportiert. Herr Finkenwerder beleuchtete in seinem Vortrag die herausfordernden Aufgaben für Systemingenieure, die ein gemischter Betrieb von IT-gesteuerten, automatischen Großgeräten und stark menschengeführten Prozessen mit sich bringt. Auf einmal ist der Mensch nicht nur Akteur außerhalb des Systems, sondern er befindet sich innerhalb der Systemgrenze und beeinflusst durch sein Verhalten, seine typischen menschlichen Eigenschaften (Vergesslichkeit, Müdigkeit, nicht deterministisch, nicht testbar) und seine Interaktion mit nicht-menschlichen Subsystemen und Komponenten wesentlich den Prozess. Fazit: menschliche Interaktion ist häufig viel weniger fehleranfällig und deutlich effizienter als jeder Versuch, einen hohen Automatisierungsgrad zu erreichen, da der Mensch durch seine besonderen kognitiven Fähigkeiten in der Lage ist, planerisch zu denken, Fehler zu erkennen und schnell zu korrigieren und ggf. Entscheidungen zu treffen, zu denen ein automatisches System nicht in der Lage ist.
GfSE Mitgliederversammlung
Nach der Konferenz fand noch die Mitgliederversammlung der GfSE statt, bei der der Vorstand für zwei Jahre wiedergewählt wurde. Dabei kam es zu Beginn der Versammlung noch zu einem wichtigen Ereignis: die beiden Trainingsanbieter oose Innovative Informatik GmbH aus Hamburg und Rücker + Schindele aus München haben mit der GfSE den Lizenzvertrag zum "Certified Systems Engineering (GfSE)©" unterschrieben und sind nun berechtigt, Schulungen im Rahmen des Zertifizierungsprogramms anzubieten.




