Auch in diesem Jahr haben die Veranstalter neue, erfrischende Formate in das Konferenzprogramm eingebaut: Pecha Kucha heißt eine Vortragsform, bei der der Sprecher innerhalb von nur 6 Minuten und 40 Sekunden einen Vortrag über ein Thema halten muss, während automatisch 20 dazu passende Bilder (Folien) auf die Leinwand projiziert werden, wobei jedes Bild exakt 20 Sekunden gezeigt wird. Aber dazu später mehr.
Eröffnet wurde die SEACON 2010 mit einer Keynote von Prof. Dr. Gary S. Schaal, Politikwissenschaftler an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Die momentane Situation in der Tagespolitik zeigt deutlich: einsamen, autokratischen Entscheidungen fehlt es in der breiten Öffentlichkeit an Akzeptanz, und auch sogenannte "Experten" treffen mit ihren Beschlüssen häufig nicht den Nerv der Massen. Unter dem Titel "Talk to me" präsentierte Prof. Schaal einen Blick über den Tellerrand der IT und zeigte interessante Wege auf, wie durch gezielte und gewollte Beteiligung von Bürgern am politischen Diskurs die Akzeptanz politischer Entscheidungen gesteigert, und damit einhergehend Politikverdrossenheit verringert werden kann - ein Modell, welches durchaus auch auf die Arbeitswelt übertragbar ist. In Kanada wurde beispielsweise mit unmittelbarer Bürgerbeteiligung eine Verfassungsänderung herbeigeführt.
Jeder kann mitmachen
Aprospos Beteiligung: auch in diesem Jahr gab es selbstverständlich wieder die bewährten OpenSpace-Diskussionen, zu denen Konferenzteilnehmer eigene Fragen oder Themen einbringen konnten. Auf dem OpenSpace-Marktplatz habe ich das Thema "Multicore-Entwicklung - Herausforderungen und Best Practices" eingereicht. Ein zugegebenermaßen eher technisches Thema, aber ein - wie ich finde - außerordentlich Wichtiges! Multicore-Prozessoren und Parallelisierung ist Mainstream, aber nach wie vor hat man den Eindruck, das die Softwareentwicklung dieser Entwicklung hinterher hinkt. Immerhin fanden sich zu dieser Diskussion fünf interessierte Teilnehmer ein. Alle Diskussionsergebnisse wurden mit Digi-Cams dokumentiert und sehr zeitnah im SEACON-Protokollblog seacon.posterous.com veröffentlicht. Dadurch standen alle Diskussionsergebnisse allen Konferenzteilnehmern sehr schnell zur Verfügung.
Die von mir besuchten "traditionellen" Vorträge waren allesamt von hoher bis exzellenter Qualität. Am ersten Tag haben mir besonders gut gefallen die Vorträge "Agile Entscheidungen für agile Teams" vom freiberuflichen Berater, .NET-Experten und Clean-Code-Evangelisten Ralf Westphal, sowie eine als kleines Schauspielstück in drei Akten inszenierte Einführung in Kanban (Titel: "Was ist dran an Kanban?") von Bernd Schiffer und Henning Wolf. Endlich habe ich nun auch eine konkretere Vorstellung von Kanban und sehe es durchaus als interessante Alternative zu Scrum. Leider ist es häufig so, das zwei, manchmal sogar drei hochinteressante Vorträge auf Konferenzen parallel laufen, und so hat man immer die Qual der Wahl.
Vorträge mit 160 beats per minute
Eine ohne Zweifel erstklassige Wahl war der Besuch der Pecha Kuchas! Was für ein Wahnsinn; man sah einigen Sprechern den 200er Puls förmlich an. Gnadenlos und mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks wechselten die Bilder auf der Präsentationsleinwand im 20-Sekunden-Takt. Trotzdem gelang es wirklich ausnahmslos allen Vortragenden ihr Thema kurz, prägnant und verständlich zu vermitteln. Gerade nach dem gewohnt exzellenten Mittagessen des Hotels Atlantic ist dieses Format hervorragend dazu geeignet, um den für diesen Tagesabschnitt typischen Tiefpunkt im Biorhythmus zu überwinden, ohne das einem die Augenlider zufielen. Daumen hoch!!
Zum Abschluss des ersten Tages und kurz vor der Welcome Reception gab es eine weitere Keynote, auf die ich schon den ganzen Tag gespannt gewartet hatte. Und es wurde auch ein wenig nachdenklich... Der bekannte Klimaforscher, Ozeanograph und Mitglied des Club of Rome Prof. Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, präsentierte den Teilnehmern unter dem Titel "Nach uns die Sintflut?" die aktuelle Situation bezüglich globaler Erwärmung und Klimaveränderung. Ein wirklich beeindruckender Vortrag! Prof. Latif präsentierte die wissenschaftliche Faktenlage und die Prognosen der Klimamodelle. Dieser Vortrag zieht jedem Skeptiker oder Zweifler den sprichwörtlichen Boden unter den Füßen weg, denn kein rational denkender Mensch kann danach noch leugnen, das es eine hauptsächlich durch Verbrennung fossiler Brennstoffe (Erdöl, Erdgas und Kohle) hervorgerufene Klimaänderung gibt, die bis zum Ende des Jahrhunderts eine massive Erwärmung hervorrufen wird. Die Konsequenzen sind beachtlich, denn nicht nur der steigende Meeresspiegel wird ein erhebliches Problem darstellen. Dadurch, das auch weltweit immer größere Mengen Kohlendioxid im Meerwasser gelöst werden, versauern die Meere, sprich: der pH-Wert sinkt. Was das für die Lebewesen bedeutet, die ein säureempfindliches Kalkskelett, einen Kalkpanzer, o.ä. besitzen, das kann sich jeder, der im Chemieunterricht aufgepasst hat, gut vorstellen. Angesichts der Ignoranz, Arroganz und der perfiden, politischen Winkelzüge, die man z.B. bei sog. Klima-Gipfeln mit hochrangigen Politikern erlebt, weiß man nicht, ob man traurig oder wütend sein soll. Es gibt aber Hoffnung: Prof. Latif sagte, das es noch nicht zu spät sei, wenn man jetzt und sofort handelt und einen energiepolitischen Kurswechsel durchführt.
Auch am zweiten Tag der SEACON gab es wieder hochkarätige Vorträge, z.B. über interne und externe DSL's, sowie eine weitere Session mit Pecha Kuchas. Da ja das Systems Engineering sozusagen mein "Hobby" ist, möchte ich an dieser Stelle den Vortrag "Domänenmodellierung und MDSE im Entwurf elektronischer Stellwerke: Wer stellt die Weichen - und wenn ja, wieviele?" von Wolfgang Goerigk (b+m Informatik AG) und Wilhelm Hasselbring (Professor für Software Engineering an der Universität Kiel) hervorheben. Wussten Sie eigentlich, das, wenn man alle Zustandsvariablen einer einzelnen Weiche bei der Bahn zusammenrechnet und daraus das Kreuzprodukt bildet, auf insgesamt 466.944 Zustände (kein Witz!) kommt?! Schon an diesem kleinen Beispiel erkennt man: die Komplexität ist beachtlich, und wenn man zudem bedenkt, das Züge mit Menschen auf Schienen, über Weichen, Brücken und Bahnübergänge fahren, dann kann man sich nur zu gut vorstellen das es alles andere als trivial ist, elektronische Stellwerke auf Basis speicherprogrammierbarer Steuerungen zu realisieren. Model-Driven Software-Engineering (MDSE) mit DSL's reduziert bei dieser Herausforderung den Aufwand, steigert Qualität und schafft zudem dokumentierte Sicherheit um in dem sicherheitskritischen Bereich des Bahnbetriebs auch die wichtige Zertifizierung nach dem höchsten Standard CENELEC (Comité Européen de Normalisation Electrotechnique) SIL-4 zu erhalten.
Fazit
Ich hätte Lust, noch viel mehr über die einzelnen Vorträge schreiben, möchte aber jetzt ein kurzes Fazit über die SEACON 2010 ziehen. Ich persönlich fand sie in diesem Jahr noch besser als bei ihrer letztjährigen Premiere! Insbesondere die innovativen Formate OpenSpace, Fishbowl und Pecha Kucha sind Bereicherungen, die einfach Spaß machen. Die einzigartige Atmosphäre und das hochwertige Catering, aber auch der nette Service des Hotels schaffen einen Rahmen, der Seinesgleichen sucht. Nicht zu unterschätzen ist auch das Networking-Potenzial - man lernt viele Leute aus unterschiedlichsten Branchen kennen. Ich kann den Organisatoren und dem Fachbeirat nur gratulieren, und habe mir die SEACON 2011 quasi schon vorgemerkt.
Weitere Artikel und Blogs zur SEACON 2010
- Holger Koscheks Blog (thinkopen): SEACON 2010: Der Blick hinter die Schlagwörter geht weiter
- Uwe Friedrichsen (codecentric): Ist Qualität messbar? – Ein “moderiertes Streitgespräch” auf der SEACON 2010
- Robert Wiechmann (PROJEKT-LOG): SEACON 2010: Hanseatisch – Sympathisch
- Susanne Reppien (XING): XING-Admins live auf der Konferenz Seacon in Hamburg
- Marco Emrich (webmasters akademie): SEACON 2010 Tag 1 und Tag 2
- Maria Oelinger in der Zeitung der Informatica Feminale: Der Blick hinter die Schlagwörter - SEACON 2010
- René Dalock (Trivadis GmbH): Du bist Designer!
- SIGS-DATACOM: Bilder von der SEACON




